Balzac - der erste Dokumentarfilmer?
„Ich verstand mich mit diesen Leuten, ich vermählte mich mit ihrem Leben, ich fühlte ihre Lumpen auf meinen Schultern, meine Füße, liefen in ihren durchlöcherten Schuhen; ihre Wünsche, ihre Nöte gingen durch meine Seele oder meine Seele ging in die ihre über. Es war eine Art Wachtraum. (...) Die Phantasie reicht nie an die Wirklichkeit heran, die sich da verbirgt und die niemand entdeckt; man muss zu tief herabsteigen, um diese bewundernswerten Szenen zu finden, Tragödien oder Komödien, Meisterwerke die der Zufall gebiert.“ (H.de Balzac „Facino Cane“)

Er hat das Gesetz gefunden, das von nun an sein Werk beherrschen wird: die Wirklichkeit darzustellen, aber mit einer stärkeren, weil auf wenige Personen beschränkten Dynamik. (...) Die Intensitäten sind nicht im Kolorit enthalten und nicht in der Fabel, sondern immer nur in den Menschen. Es gibt keine Stoffe: alles ist Stoff. Unter dem niedern Dach des Weinbauern Grandet in der Eugenie Grandet ist nicht weniger Spannungsmöglichkeiten enthalten als in der Kajüte eines Korsaren in der Femme de trente Ans. (...) Nicht das Milieu entscheidet, sondern die Dynamik. Gestalten heißt also richtig sehen, konzentrieren und steigern, das Maximum hervorholen, die Leidenschaft an jedem Leidenschaftlichen bloßlegen, die Schwäche in jeder Stärke erkennen, die schlummernden Kräfte heraustreiben. Eugenie Grandet ist der erste Schritt auf diesem Wege; die Hingabe in dem einfachen frommen Mädchen ist so gesteigert, dass sie beinahe religiös wird, der Geiz des alten Grandet wird dämonisch ebenso wie die Treue des alten hässlichen Dienstmädchens. Im Pere Goriot wird die Liebe zu den Kindern ebenso zum Schöpferischen und zur Monomanie; jeder Mensch ist richtig gesehen und in seinem Geheimnis erkannt. Man muss sie nur gegeneinander spielen lassen, die Welten vermengen, das Böse böse sein lassen und das Gute gut, Feigheit, List und Niedertracht ohne jede moralische Betonung als Kräfte nehmen. Intensität ist alles; wer sie in sich hat und wer sie zu erkennen weiß, der ist Dichter.

In diesem Jahren hat Balzac das große Geheimnis entdeckt. Alles ist Stoff. Die Wirklichkeit ist eine unerschöpfliche Mine, wenn man zu schürfen versteht. Man braucht nur richtig zu betrachten, und jeder Mensch wird zum Schauspieler der Comedie humaine. (beides aus S. Zweig "Balzac")

Wenn sich doch die Filmemacher an das "Geheimnis" Balzacs halten würden, welch andere Filme würden dann entstehen?


| gindas @ 20:48| Kritik? |